Oh je, was soll ich tun?
Wenn Figuren in der Krise stecken.

Oh je, was soll ich tun? - Wenn Figuren in der Krise stecken.

veröffentlicht am: 24. Aug 2018



Oh je, was soll ich tun? – Wie ergibt sich die Krise für deine Protas? Was ist sie und wie kommen die Protas aus ihrem Dilemma wieder heraus? Klick um zu tweeten


Inhaltsübersicht

Die Krise ist ein Muss

Die Frage ist die Krise

Ein Beispiel zur Krise

Die Entscheidung in der Krise

Der größte Fehler

 

Die Krise ist ein Muss

Und deine Protagonisten stecken nicht nur einmal in der Krise, sondern immer und immer wieder. Die Krise gehört zu den Pflichtbestandteilen von Geschichten, d. h. dass ohne Krise eine Szene, Sequenz, Akt oder die globale Geschichte nicht funktioniert.

In jeder Einheit von Geschichten treten nach dem auslösendem Ereignis Komplikationen auf, denen sich der Protagonist stellen muss. Diese Komplikationen enden in einem unerwarteten Ereignis, das ein Dilemma für die Figur darstellt.

Jene Dilemmas (sei es in einer Szene, Sequenz, Akt oder in Anfang/Mitte/Ende der Geschichte) müssen sich zu einer Frage formen, die eine Wahl zwischen mindestens zwei Optionen darstellt.

Im letzten Artikel sprachen wir über die vier Arten von Komplikationen, deren vierte und letzte Komplikationen die Krise bildet.

Die Krise ist eine Entscheidung zwischen der besten, schlechtesten Wahl oder zwei Gütern, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen.

Eine Krise ist immer eine Frage, die nach dem Wendepunkt der Szene aufkommt. D. h. sobald in einer Einheit von Geschichten sich der Wert durch eine Aktion oder eine Offenbarung wandelt (welche die Umstände ändert), ergibt sich eine Frage.

 

Die Frage ist die Krise.

Der Wendepunkt trat entweder durch eine direkte Aktion einer Figur ein (oder eines äußeren, nicht von Personen zu steuernden Vorfalls) oder durch eine neue Erkenntnis.

Konfrontiert mit dieser Aktion/Offenbarung wird der Protagonist vor die Wahl gestellt. Soll er sich für A oder für B entscheiden?

Steckt dein Protagonist in der Krise, muss er eine Entscheidung treffen.

Diese Entscheidung bestimmt, ob er sich von seinem Ziel (bewusstes und unbewusstes Objekt des Verlangens) entfernt oder diesem näher kommt.

Interessanter und spannender ist es, wenn die Figur durch ihre Wahl zwar dem einem Ziel näher kommt, sich aber dadurch von dem anderen weiter entfernt – und genau das ist es, was man unter Ironie des Schicksals versteht ;-)


Ein Beispiel zur Krise

Wenn Figuren in der Krise stecken - auslösendes EreignisEin Mann wandert durch einen Wald und begegnet einem Bärenjungen. (Auslösendes Ereignis, durch Zufall bestimmt)

Nachdem er den ersten Schock überwunden hat, hört er ein Knurren neben sich aus dem Gebüsch. (Komplikation)

Das Knurren wird lauter und vor ihm taucht ein Bär auf. (Zweite Komplikation)

Er weicht zurück und rutscht einen Abhang herunter. (Dritte Komplikation, die unumkehrbar ist, weil er nicht mehr den Weg zurückgehen kann, von dem er gekommen war – er hat somit schnell den Punkt ohne Wiederkehr erreicht).

Der Mann rollt den Abhang herunter und versucht sich an irgendetwas festzuhalten. Dabei sieht er, dass er direkt auf eine Klippe zusteuert. Eventuell wird er über die Klippe stürzen (Wendepunkt durch Offenbarung) und er wird fallen, bis er aufschlägt und stirbt. (Eskalation der Komplikation bis an die Grenze der menschlichen Erfahrung)

Er krallt die Hände in die Erde und versucht Halt zu finden, um seinen Rutsch zu stoppen. Er greift eine Wurzel und es gelingt ihm, sich an ihr festzuhalten. Dieses Ergreifen der Wurzel ist ein aktiver Wendepunkt, der den Wert der Szene ändert. (Der Wert wandelt sich vom bevorstehenden Tod zu Leben – die Figur hat durch ihr aktives Eingreifen die Welt verändert)

Aber der Bär hat ihn nicht vergessen. Er läuft den Abhang zu ihm hinunter und der Mann versteht, dass er nur für kurze Zeit in dieser Position verweilen kann. Nachdem er zu Atem kam, sieht er direkt neben dem Absatz der Klippe ein Kletterseil liegen, das mit einem Haken im Stein verankert ist. Er vermutet, dass dieses Seil von einem Kletterer vergessen worden ist und er an diesem sicher die Klippe herunterklettern könnte. Diese Offenbarung ist ein zweiter Wendepunkt, der die Chance für sein Überleben bekräftigt.

Diese beiden Wendepunkte in den zwei Taktschlägen der Szene (Festhalten an der Wurzel und das Seil sehen) führen die Figur in die Krise.

Soll er die Wurzel loslassen und den Abhang weiter herunterrutschen und versuchen, sich an dem Seil festzuhalten, bevor er über die Klippe hinabstürzt, um dann herunterzuklettern?

Oder sollte er bleiben, wo er ist, und darauf hoffen, dass der Bär sich auf dem matschigen Untergrund nicht näher zu ihm traut? Immerhin ist er doch mit seinen zwei Jagdfreunden unterwegs, die mittlerweile doch bemerkt haben müssten, dass er nicht mehr da ist?

Ist nun die Chance größer, dass seine Freunde ihm zur Hilfe kommen und den Bären verjagen, als die Chance, dass er das Seil zu Greifen bekommt und daran hinunterklettern kann?

Diese Frage ist die Krise der Szene.

 

Die Entscheidung in der Krise

Je nachdem für welche Option sich der Protagonist entscheidet, wird die getroffene Wahl dem Leser viel über den Menschen verraten, der dieser Mann ist. Immerhin sind es unsere Taten, die bestimmen, wer wir sind, nicht unsere Worte. Behaupten kann man viel, aber was tun wir, wenn es darauf ankommt?

Unser Handeln bestimmt, wer wir sind.

Spannende Fragen in der Krise sind ein wunderbares Mittel, um die Persönlichkeit deiner Figuren dem Leser anschaulich zu zeigen, als nur darüber zu erzählen. Auch der Leser glaubt nur, was er selbst sieht.

In vielen Serien gibt es noch jene Momente, dass kurz vor der Werbung oder dem Ende der Episode der Protagonist in einer Krise steckt. Diese Krisen sind auch als die sogenannten Cliffhanger bekannt.

Setzt man Cliffhanger gekonnt ein, dann beschleunigen sie die Erzählung.

Nutzt man sie zu offensichtlich und zu oft, sind sie irritierend und Klischee.

 

In der Krise muss sich der Protagonist entscheiden, was er tun soll.

Und auch das Nichtstun ist eine Entscheidung (sh. Mini-Plot)

Was tun, wenn Figuren in der Krise stecken - die Entscheidung

Sollte der Mann am Abhang sich dafür entscheiden, nichts zu tun, sagt das eine Menge über ihn aus:

Er ist davon überzeugt, dass Menschen aufeinander achtgeben – dass seine Freunde sein Verschwinden bemerkten und ihn bereits suchen. Er ist sich seiner Kräfte bewusst und glaubt daran, dass er sich an der Wurzel so lange festhalten kann, bis Hilfe kommt. Aber mit jeder schwindenden Sekunde wird sein Arm tauber und seine Finger kraftloser, dass die Chance sinkt im Notfall noch das Seil ergreifen zu können.

Sollte sich die Figur jedoch dafür entscheiden, loszulassen um das Seil zu ergreifen, sagt das auch viel über seine Persönlichkeit aus.

Diese Person ist auf sich selbst angewiesen und das so sehr, dass er lieber sein eigenes Leben riskiert als darauf zu vertrauen, dass andere ihn retten kommen. Er weiß, dass jede Sekunde ihm die Kräfte raubt, die er braucht, um das Seil zu ergreifen.

 

Wie du sehen kannst, sind die oben genannten zwei Optionen beides eher ungünstige Möglichkeiten, da jede Wahl mit dem Tod für ihn enden könnte.
Aber die Entscheidung für die bessere schlechte Wahl wird seine Persönlichkeit definieren.

Die zwei Wendepunkte der Szene (Ergreifen der Wurzel und die Offenbarung des Seils) führen zu der Frage der Krise: Soll er bleiben oder soll er loslassen?

 

Der größte Fehler

Sollte es für deinen Protagonisten jemals einen einfachen Weg aus der Krise geben, dann ist das ein schwerer Fehler und du wirst sofort das Interesse deiner Leser verlieren.

Warum?

Tagein, tagaus, Monat für Monat und Jahr um Jahr treffen wir kleine, mittlere und große Entscheidungen in unserem Leben.

Einfache Entscheidungen treffen wir automatisch, weil sie nicht interessant sind.

Warum Zeit für etwas vergeuden, was nicht wichtig ist? D. h. wenn dein Protagonist eine Gluten-Unverträglichkeit hat, die schon fast dazu führte, dass sich sein Magen auflöste und er jetzt überlegt, ob er das Weizenbrötchen essen soll oder nicht, ist es ansonsten kaum eine Krise, über die man mehr lesen will.

Als Leser wollen wir sehen, wie sich Menschen entscheiden, wenn sie mit harten Entscheidungen konfrontiert werden und welche Auswirkungen diese Entscheidungen mit sich bringen.

Keiner kann die Zeit zurückdrehen und die schwierigen Entscheiden ändern, die wir in unserem Leben getroffen haben.

Aus diesem Grund suchen wir in Geschichten nach der Antwort, ob wir die richtige Wahl getroffen haben.

Entweder finden wir Bestätigung (wir haben uns richtig entschieden) oder falls wir einen Fehler gemacht haben, erleben wir die Erfahrung, wenn wir uns für einen anderen Kurs entschieden hätten. Und das ohne Risiko. Manchmal finden wir auch neuen Mut oder sehen den Weg, den wir einschlagen sollten.

Die Optionen der Krise dürfen nicht einfach sein. Aber natürlich können sie auch nicht alle denselben Level besitzen. Es kann nicht immer eine Frage von Leben und Tod sein, aber die Entscheidung muss für die beste schlechteste Wahl sein oder für ein Gut, das nicht mit einem zweiten vereinbar ist.

Es ist die Eskalation der Krisen (Entscheidungen, die auf einer Skala der Irreversibilität anwachsen) – die den Wert erhöhen, der auf dem Spiel steht.

Solltest du also mal eine Schreibblockade haben, dann betrachte die Effektivität deiner Krisen. Vergrößern sie sich von wichtig (aber umkehrbar) zu lebensverändernd und nicht mehr umkehrbar?


Wenn Krisen banal sind, so spiegelt sich das auch in der Geschichte wieder.

Im nächsten Beitrag gehe ich noch einmal näher auf die beste schlechteste Entscheidung und die zwei Güter ein, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen.


Hast du Fragen zur Krise oder diesem Artikel?
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Melanie liebt das Story Grid - Autorin und Lektor nach den Story Grid Erkenntnissen von Shawn Coyne

Melanie liebt das Story Grid

Melanie Naumann schreibt Thriller, studierte Sprache und bildet sich seit 2015 als Lektorin fort. Aus der Liebe zum Lektorat entstand dieser Blog, um Autoren Hilfestellungen zum Schreiben und Lektorieren ihrer Manuskripte zu geben

Melanie Naumann orientiert sich an den Story Grid Erkenntnissen von Shawn Coyne, da sie die Art des Lektorats des US-amerikanischen Lektors als die hilfreichste Methode empfindet, um herauszufinden, ob Geschichten funktionieren.

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